Luft nach oben

2025-02-14
Lesezeit: 8 min

(c) Wirtschaftswoche 2025, Philip Kaleta, Volker ter Haseborg

PDF des Originalartikels

Hans Georg Näder hat Flugangst, das dachten früher zumindest viele Menschen um ihn herum. Um als Eigentümer des Orthopädiespezialisten Ottobock Geschäftstermine in den USA wahrzunehmen, soll er mitunter sogar mit dem Schiff angereist sein, sagen Weggefährten. Ein beachtlicher Aufwand: Die Queen Mary braucht von Hamburg nach New York immerhin neun Tage.

Doch seit HGN, wie er sich selber nennt, das Reisen per Privatflugzeug entdeckt hat, soll es mit der vermeintlichen Flugangst vorbei sein, heißt es. Bei dem Flieger mit der heilenden Wirkung soll es sich um eine Bombardier Global 7500 handeln, die selbst in Milliardärskreisen als dekadent gilt. Reichweite: mehr als 14 000 Kilometer, mit Platz für mehr als zwölf Passagiere. Kostenpunkt: mindestens 70 Millionen Euro. Die Initialen HGN fanden sich auch in der Kennung des Verkehrsmittels.

Betreiber beziehungsweise Besitzer des Flugzeugs soll laut mehreren Onlineflugregistern der HGN Productions & Verlag gewesen sein. Auf der Internetseite des Verlags heißt es im Impressum, dass er von Herrn Professor Hans Georg Näder vertreten werde. Eine Sprecherin des Ottobock-Konzerns erklärt hierzu: „Weder die Ottobock-Gruppe, noch die Näder Holding oder Herr Näder selbst besitzt Flugzeuge.“ Auch der HGN Verlag besitze keine Flugzeuge. Ob der Verlag noch bis vor Kurzem Betreiber oder Eigentümer des Flugzeugs war, beantwortet die Sprecherin nicht. Ob HGN in der Vergangenheit unter Flugangst litt, dazu macht sie ebenfalls keine Angaben. Sie befasst sich mit der Gegenwart: In dieser leide Näder nicht unter Flugangst.

GEWINN: IM SINKFLUG

„Es muss immer größer, besser und toller sein“, sagt ein ehemaliger Weggefährte über Hans Georg Näder. Das gelte nicht nur für Flugzeuge, sondern auch für Immobilien, für Kunstwerke und Luxusyachten, die Näder sein Eigen nennt. Was ist schon dabei? Der Mann kann mit seinem Geld machen, was er will. Und: Hans Georg Näder, 63 Jahre alt, ist schließlich ein World Champion, hat den Mittelständler aus Duderstadt in Niedersachsen zum Weltmarktführer empor - gehoben. Ein Visionär, seit 1990 im Familienunternehmen am Ruder, zuerst als Geschäftsführer, heute als Vorsitzender des mächtigen Verwaltungsrates. Gegen den Rat vieler Zweifler hat er einst das weltweit erste vollständig mechatronische Kniegelenkt auf den Markt gebracht. Bis heute zählt das per Computerchip gesteuerte C-Leg zu den wichtigsten Umsatzbringern von Ottobock.

Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere: Er finanziert seinen Lebenswandel und branchenfremde Investitionen mithilfe seiner Unternehmensgruppe. Das sorgt mittlerweile bei den eigenen Mitarbeitern für immer größeren Unmut. Größer, besser und toller – dieser Dreisatz ging so lange auf, wie die Geschäfte von Ottobock gut liefen. Recherchen der WirtschaftsWoche zeigen jedoch ein ganz anderes Bild: Der Gewinn des Ottobock-Konzerns war zuletzt rückläufig, die 2023 erwirtschaftete Marge wirkt alles andere als komfortabel.

Die Ottobock-Sprecherin sagt, dass der Vorsteuer- und Nettogewinn maßgeblich durch das gesteigerte Zinsniveau auf dem Markt beeinflusst worden seien.

Näder steht unter gigantischem finanziellem Druck: Er hält gemeinsam mit seinen Töchtern über den Näder Holding Konzern 100 Prozent der Anteile an Ottobock. Das war nicht immer so. 2017 gab Näder 20 Prozent an die schwedische Beteiligungsfirma EQT ab. Der gemeinsame Plan war, Ottobock an die Börse zu bringen. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen kaufte Familie Näder die Anteile im vergangenen Jahr zurück. 1,1 Milliarden Euro lieh sie sich dafür bei Kreditfonds, in Form eines Darlehens bei dem die Zinsen erst am Ende der Laufzeit fällig werden. Bei derlei Krediten ist ein Zinssatz von rund zehn Prozent üblich. Für Zins und Tilgung kann letztlich ein Betrag fällig werden, der gar nicht so einfach zu erwirtschaften ist.

Zumal der Näder Holding Konzern geschwächt ist. Die Gesellschafter gönnten sich zwischen 2010 und 2022 Dividenden beziehungsweise Entnahmen in Höhe von fast 600 Millionen Euro. Das sind rund 260 Millionen Euro mehr, als der Konzern im selben Zeitraum als Ergebnis nach allen Steuern verdient hat. Hinzu kam, dass die Gesellschafter Ende 2022 Schulden in Höhe von 40 Millionen Euro beim Näder Holding Konzern hatten.

Im Geschäftsjahr 2023 hat Ottobock einen Rekordumsatz von 1,47 Milliarden Euro gemacht, beachtliche 12,1 Prozent mehr als im Jahr davor. Laut der OttobockSprecherin resultiert das Umsatzplus „zum weitaus größeren Teil“ aus organischem Wachstum.

UMSATZSCHUB TEUER ERKAUFT

Ein wesentlicher Teil des Umsatzschubs dürfte jedoch vielmehr auf Zukäufe zurückzuführen sein. Internen Zahlen zufolge hat der Ottobock-Konzern 2023 zwar nur rund 14 Millionen für Zukäufe ausgegeben – abzüglich liquider Mittel, die auf den Konten der übernommenen Firmen lagen. 2022 waren es aber noch rund 96 Millionen Euro. Und auch in den Jahren davor wurden Firmen übernommen.

2022 etwa kam der niederländische Prothesenverkäufer Livit mit 50 Versorgungszentren hinzu. Jahresumsatz: 43,3 Millionen Euro. Kaufpreis: 46 Millionen Euro. Im selben Jahr wurde auch der belgische Prothesen- und Rollstuhlverkäufer Orthomed Teil des Ottobock-Konzerns. Sicher: Mit derartigen Akquisitionen kauft sich Ottobock Umsatz. Doch ob sie den Konzern auch nach vorne bringen, ob sich der Aufwand wirklich lohnt? Seit Ottobock eingestiegen ist, sind die Erträge beider Unternehmen zurückgegangen. Livit wies im vergangenen Jahr Verlust aus, Orthomed nur einen sechsstelligen Nettogewinn.

Und wie laufen die Geschäfte insgesamt? Der WirtschaftsWoche liegt der bislang unveröffentlichte Geschäftsbericht des Ottobock-Konzerns für das Geschäftsjahr 2023 vor. Demnach nahm Ottobock mit seinem Kerngeschäft, den Prothesen, zwar 839 Millionen Euro ein. Doch unter dem Strich blieben nur 48 Millionen Euro Gewinn – rund 27 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Das wiederum hat mit den Schulden des Ottobock-Konzerns zu tun. Sie beliefen sich Ende 2023 auf 1,75 Milliarden Euro. Die damit zusammenhängenden Ausgaben sind offenbar explodiert.

2022 lagen die Finanzierungskosten noch bei rund 31 Millionen Euro. Ein Jahr später war es mit rund 72 Millionen Euro mehr als doppelt so viel. Wichtigster Kostenfaktor waren 2023 mit 48 Millionen Euro die Zinsen. Der Ottobock-Konzern gab dafür drei Mal so viel aus wie im Jahr davor. Am Ende lag die Gewinnmarge nur noch bei schmalen 3,2 Prozent.

Das ist alles andere als beeindruckend, wie die Konkurrenz zeigt. Das Unternehmen Össur mit Sitz in Schweden verdient so wie Ottobock vor allem Geld mit Prothesen. Der Umsatz lag 2022 bei 719 Millionen Euro. Das Unternehmen war damit etwa halb so groß wie Ottobock, erwirtschaftete vor Zinsen und Steuern mit 107 Millionen Euro aber deutlich mehr als der Ottobock-Konzern, der im selben Jahr nur auf rund 76 Millionen Euro kam. Össur habe „eine sehr gute Akquisitionsstrategie“, sagt ein ehemaliger Ottobock-Manager anerkennend. Die Skandinavier hätten wegen ihres Börsengangs eine volle Kasse für clevere Übernahmen gehabt. Außerdem sei Össur von der Struktur her viel schlanker und wendiger als Ottobock.

TURBULENZEN MIT MITARBEITERN

Der eine oder andere Mitarbeiter von Ottobock äußert inzwischen Sorgen. Man habe sich zu lange auf den einstigen Erfolgen ausgeruht und die Konkurrenz nicht ernst genug genommen. Es werde mit Firmenkäufen gegengesteuert. Für ihn aber sei dabei keine Strategie erkennbar, sagt einer. Am meisten für Verunsicherung sorgen jedoch die Schulden, die Näder angehäuft hat. Was geschieht mit Ottobock und den Arbeitsplätzen, wenn Näder das Geld nicht zurückzahlen kann?

Der Markt für Prothesen sei immer noch ein Krankenkassenmarkt, Hightechprodukte wie die von Ottobock würden schon mal nicht erstattet werden. Dass sich Näder in dieser schwierigen Markt - lage Ottobock-Anteile von EQT zurückgekauft und dafür hoch verschuldet hat? „Das wird ihm noch mal wehtun“, meint ein ehemaliger Manager. Ob ein weiterer Anlauf für einen Börsengang gelingt? Viele in Duderstadt haben Zweifel. Die Ottobock-Sprecherin offenbar nicht: Ottobock habe seinen Wachstumskurs 2023 „erfolgreich fortsetzen“ können, teilt sie mit.

Als Beleg für das zerrüttete Verhältnis zwischen Unternehmen und Belegschaft gilt der Auftritt von Oliver Mizera im vergangenen Herbst auf dem Fest der Demokratie in Duderstadt. Mizera ist Chef der Vertrauensleute bei Ottobock, das sind IG-Metaller aus dem Betrieb, die von anderen Mitgliedern der Gewerkschaft gewählt werden. Bei dem Fest warf er der Ottobock-Führung vor, das Unternehmen „teilweise auszunehmen“. Ein Raunen ging durchs Publikum, dann brach lauter Applaus aus.

Die Ottobock-Sprecherin äußert sich auf Anfrage nicht dazu. Wenn Hans Georg Näder mal so richtig erfolgreiche Mitarbeiter treffen möchte, bräuchte er nur ins Privatflugzeug steigen. Die Reise würde auch kürzer dauern als ein Trip in die USA. Es wäre ein Flug ins Kriegsland Russland, das die Ukraine überfallen hat. Viele deutsche Unternehmen haben sich aus Russland zurückgezogen. Ottobock nicht. „Geschäfte mit Rubel haben ordentlich zum Umsatzwachstum des Konzerns beigetragen im Jahr 2023“, heißt es im Geschäftsbericht von Ottobock. Die Firmenchefs rechnen hiernach damit, dass die Nachfrage nach Prothesen in Russland noch weiter steigt.

RUSSLANDGESCHÄFT HEBT AB

Erstmals zeigen interne Unterlagen, welches Ergebnis die Ottobock-Beteiligungen im Geschäftsjahr 2023 erzielt haben. So hat etwa die Otto Bock Service Moskau ein Ergebnis von 5,48 Millionen Euro erzielt, die Otto Bock – Orthopedic Technique LLC verdiente 2,8 Millionen Euro, Otto Bock St. Petersburg 1,33 Millionen Euro, Otto Bock Mobility LLC 1,55 Millionen Euro und Otto Bock Yekaterinburg erzielte ein Ergebnis von 87 000 Euro. Zusammengerechnet sind das mehr als zwölf Millionen Euro. Die Gesellschaften leisten einen wesentlichen Beitrag zum Konzernergebnis.

Auch die Ukraine beliefert Ottobock mit Prothesen und anderen Gesundheitsprodukten. 2023 wurde sogar eine Gesellschaft in der Ukraine gegründet, um „die Versorgung des Landes sicherzustellen“, wie es im Geschäftsbericht heißt. Das Geschäft im kriegsgeplagten Land werde noch einmal anziehen, heißt es weiter. Die Unternehmenssprecherin erklärt: „Ottobock hält an seinem humanitären Auftrag in Russland fest und versorgt vor Ort weiterhin Zivilisten.“ Mit dem russischen Militär gebe es keine Zusammenarbeit. Der in Russland und der Ukraine erzielte Umsatz addiere sich nur auf einen einstelligen Prozentanteil des Gesamtumsatzes.

Und so betreibt Ottobock auf beiden Seiten der Front weiter Geschäfte. „Warum sollen wir jemandem, der so lange auf Ottobock-Produkten herumläuft, seine Mobilität entziehen?“, hatte Näder im vergangenen Jahr im Interview mit der „Zeit“ über die teils langjährigen Ottobock-Kunden in Russland gesagt. Dass seine Prothesen trotzdem bei Putins Militär landen könnten? „Selbst wenn das über Umwege passieren sollte, die wir nicht kontrollieren können: Es sind keine Kanonen, sondern humanitäre Güter.“ Die eben auch ordentliche Ergebnisse bringen.